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Preisträger 2017

Preisträger 2017 

Die Preisträger Dr. habil. Jens Hacke, Ludwig Decke, B.A., Simon Sax, B.A., Grischa Sutterer, M.A. und Angela Schuberth, M.A. (v.l.n.r.)

mit den Laudatoren und Gratulanten Prof. Dr. Ursula Büttner, Prof. Dr. Alexander Gallus, Prof. Dr. Michael Dreyer, Dr. Andreas Braune, Prof. Dr. Detlef Lehnert und dem Festredner Prof. Dr. Martin Sabrow, (v.l.n.r.)

2017 haben die Forschungsstelle Weimarer Republik und der Verein Weimarer Republik zum zweiten Mal und zum Teil in Kooperation mit der Hugo-Preuß-Stiftung Preise für Forschungsarbeiten zur Weimarer Republik ausgeschrieben. Sie wurden am 24.11.2017 auf einer Festveranstaltung im Rahmen der internationalen Konferenz "Die Novemberrevolution als Ereignis und Erinnerungsort" verliehen. Die Resonanz auf die Auslobung der Preise war in allen Kategorien sehr hoch. Die Jury hat sich daher im Fall des Matthias-Erzberger- und des Hugo-Preuß-Preises dafür entschieden, jeweils zwei herausragende Arbeiten zu prämieren.

Die Preise gingen im Jahr 2017 an:

Friedrich-Ebert-Preis für die beste Dissertation oder Habilitation

 Jens Hacke

Dr. phil. habil. Jens Hacke:

Krise und Neujustierung des Liberalismus. Zum politischen Denken im Deutschland der Zwischenkriegszeit

Habilitation an der Universität Humboldt-Universität zu Berlin, betreut von Herfried Münkler und Harald Bluhm (Halle/Saale)

Aus der Laudatio der Jury:

Jens Hacke greift in einem souveränen Überblick bekannte und weniger bekannte Denker des Liberalismus auf. Von Hugo Preuß und Max Weber geht es über Moritz Julius Bonn, dessen Schriften Hacke schon vor einigen Jahren herausgegeben hatte, bis hin zu Fritz Schotthöfer, einem Redakteur der Frankfurter Zeitung. Er untersucht die fortdauernde Wirkung liberaler Ideen in einem demokratischen, aber zugleich intellektuell vielfach feindlichen Umfeld. Er untersucht die Selbstverteidigungskräfte von Rechtsstaat und Demokratie und schafft es dabei auch, Verbindungen des Liberalismus der Zwischenkriegszeit – der mehr ist als nur der Weimarer Liberalismus –  zur erfolgreicheren zweiten deutschen Demokratie deutlich werden zu lassen. Überall wird erkennbar, daß die Kontexte durchaus da waren und daß die Zerstörung der Demokratie ab 1930 eben kein unvermeidliches Schicksal darstellte, sondern daß es sehr wohl Gegenkräfte gab.

Immer wieder im Mittelpunkt steht dabei das Denken und Wirken von Moritz Julius Bonn, einem agilen Denker der Zeit, der noch bis weit in die Nachkriegszeit hinein aktiv war und der doch in Vergessenheit geraten ist. Man muß dabei bedenken, daß auch Hugo Preuß bis vor wenigen Jahren noch weitgehend unbekannt war. Das hat sich inzwischen geändert, und vielleicht gelingt es Hacke, für Bonn ähnliches zu tun. In jedem Fall erfüllt seine Habilitationsschrift ein echtes Desiderat der Forschung. Stück für Stück enthüllt sich die Weimarer Republik als eine lebendige, chancenreiche und moderne Verfassungsordnung, und Jens Hacke hat mit seiner Arbeit einen wichtigen Beitrag zu dieser Erkenntnis geleistet.

 

Hugo-Preuß-Preis für die beste Dissertation oder Habilitation

In Kooperation mit der Hugo-Preuß-Stiftung

 Angela Schuberth

Angela Schuberth, M.A.:

Der Begriff der "Volksgemeinschaft" vor dem Nationalsozialismus. Eine empirische Analyse des Begriffsgebrauchs in der Vossischen Zeitung zwischen 1918 und 1933

Masterarbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin, betreut von Michael Wildt und Frank Bajohr

Aus der Laudatio der Jury:

Angela Schuberths Studie gelingt zum einen die Vermeidung einer falschen Alternative: entweder den Volksgemeinschafts-Begriff als „eine Art von Gründungskonsens der Weimarer Republik“ (so Gunther Mai) tendenziell zu entproblematisieren oder ihm in umgekehrter Perspektive bereits die spätere NS-Geschichtslast aufzubürden. Weithin synchron mit einem vertrauten Dreiphasen-Modell wird vielmehr anhand der (links-)liberalen Vossischen Zeitung – dort aber wesentlich auch Berichte über andere politische Richtungen einschließend – belegt: nur bis 1923 dominierten neben unspezifischem Wortgebrauch die Bedeutungsprofile demokratischer Integration und geistig-kulturellen Aufbruchs.

Dies leitet zur Neubetrachtung der mittleren Weimar-Periode nach der Inflations- und vor der Weltwirtschaftskrise über. [...] Gegen Erwartungen auch von Quellenkundigen wird schon 1924 der einsame Gipfelpunkt vor der NS-Periode erreicht: 147 Fundstellen in der Vossischen Zeitung gegenüber nur 41 im (häufig „verdächtigten“) Vorjahr 1923 und auch nur 75 mit NS-Agitationsbezügen 1932 sind fulminant erklärungsbedürftig. Die Verfasserin grenzt diese Verdichtung recht präzise ein, wenn sie feststellt: „Im Oktober und November 1924, also vor den Reichstagswahlen im Dezember ... wurde der Begriff der ‚Volksgemeinschaft’ nahezu täglich in der Vossischen Zeitung verwendet – auch weil sich oft Politiker mit einer entsprechenden Rhetorik zu Wort meldeten.“ Und weiter: „Die Rede von einer ‚wahren Volksgemeinschaft’ war plötzlich notwendig geworden, um sich eindeutig von antirepublikanischen Implikationen abzugrenzen.“

Die ausgezeichnete Studie von Frau Schuberth verdient nicht nur zumindest als längerer Aufsatz mit ihren Hauptbefunden veröffentlicht zu werden, wie auch der Zweitgutachter Frank Bajohr mit Recht hervorhebt. Sie ist darüber hinaus ein wichtiger Gedankenanstoß: die bereits von Hugo Preuß scharf markierte innenpolitische Zäsur von 1924/25 ernster zu nehmen.


 

 Grischa Sutterer

Grischa Sutterer:

Alternative Ordnungsentwürfe im deutschen Offizierskorps zwischen Nation und Weltpolitik, 1915-1923. Friedrich von Boetticher, Oskar von Niedermayer, Hans von Seeckt

Masterarbeit an der Eberhard Karls Universität Tübingen, betreut von Johannes Großmann und Andelm Doering-Manteuffel

Aus der Laudatio der Jury:

In vielen Bereichen der Forschung zur Weimarer Republik glaubte man über lange Zeit, endgültige Antworten bereits gefunden zu haben, so daß es sich kaum lohnte, noch weitere Fragen zu stellen. Das gilt auch für das Verhältnis von Militär und Politik, das mit Schlagworten wie „Ebert-Groener-Pakt“ oder anderen, kaum differenzierteren Zuweisungen bereits ausgelotet zu sein schien. Daß dies keineswegs der Fall ist, zeigen in jüngster Zeit verdienstvolle Forschungsarbeiten wie die im letzten Jahr ausgezeichnete Arbeit von Florian Schreiner über Universitäten und Freikorps, und eben die Masterarbeit von Grischa Sutterer.

An Hand der Ideen dreier Offiziere aus Preußen, Sachsen und Bayern, von unterschiedlichem Rang und unterschiedlicher Reichweite untersucht Sutterer die Ordnungsvorstellungen im deutschen Offizierskorps. Wichtig ist dabei die zeitliche Rahmensetzung von 1915 bis 1923 – also von mitten im Weltkrieg, als bereits deutlich war, daß sich der industrielle Krieg von seinen Vorläufern unterscheiden sollte, bis hin zur Auseinandersetzung um die und Festigung der Republik von Weimar. Sutterer zeigt, daß sich im Offizierskorps bestimmte Ordnungsvorstellungen herausbilden, die auch in der Demokratie fortwirken und dazu beitragen, dem Militär eine gewisse Immunität zu geben. Das reicht über den eigentlich militärischen Komplex hinaus und schließt Vorstellungen über einen inklusiven Begriff der Volksgemeinschaft ebenso ein wie Gedanken zur Zusammenarbeit mit der Sowjetunion.

Damit leistet er einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis des Verhältnisses von Politik und Militär in der frühen Weimarer Republik. Der breite Blick auf die Kontexte, in denen die untersuchten Ordnungsvorstellungen stehen, ist in der besten Tradition der Cambridge School angelegt.

 

Matthias-Erzberger-Preis für die beste Bachelorarbeit

 Ludwig Decke

Ludwig Decke:

Feindschaft statt Vermittlung. Carl Schmitts Antiliberalismus in der Weimarer Republik

Bachelorarbeit an der Universität Leipzig, betreut von Thomas Kater und Raphael Gross

Aus der Laudatio der Jury:

Die Arbeit besticht durch ihre hervorragende intellektuelle Leistung und ihren substantiellen Beitrag zur Erforschung des anti-liberalen politischen Denkens der Zwischenkriegszeit, aber auch durch ihre hohe Relevanz für die Debatten unserer Zeit, in der der Wert einer liberalen, rechtsstaatlichen Demokratie vielerorts und aus unterschiedlichen politischen Richtungen in Zweifel gezogen wird.

Dass Schmitts Gegnerschaft zum Liberalismus einer der Grundpfeiler ist, auf dem sein politisches Denken aufbaut, ist der reichhaltigen Schmitt-Forschung nicht verborgen geblieben. Selten ist sein Antiliberalismus aber so virtuos in all seinen Wandlungen und Radikalisierungen für die gesamte Weimarer Phase rekonstruiert wurden wie bei Herrn Decke. Mit dem Gegensatz von Vermittlung und Unmittelbarkeit gelingt es ihm zudem, den Kern des Schmittschen Unbehagens am Liberalismus freizulegen. Alles, was einer „unmittelbaren“ Demokratie eines möglichst homogenen Volksganzen entgegensteht, wird von Schmitt abgelehnt: Parlament, Parteien, Gewaltenteilung und allen voran ein Grundrechtsschutz, der den Menschen als Menschen und seine Freiheit als ein individuelles Gut schützt. Die unmittelbare und notfalls gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Freund und Feind und die ‚unmittelbare‘ Wirkung des Souveräns in einer ‚unmittelbaren‘ Demokratie treten bei Schmitt an die Stelle vermittelnder Instanzen und die diskursive Verarbeitung eines gesellschaftlichen Pluralismus, wie sie die Weimarer Reichsverfassung vorgesehen hatten. Mit dem liberalen Rechtsstaat und seinen Grundrechten opferte Schmitt eines der zentralen Prinzipien moderner liberaler Demokratien zugunsten einer „Konstruktion von Unmittelbarkeit, von Authentizität im Kollektiv“.

Mit großer Virtuosität meistert Ludwid Decke das vielschichtige Werk und Denken Carl Schmitts, genauso wie die umfangreiche Sekundärliteratur und den breiteren ideengeschichtlichen und politiktheoretischen Kontext, in den diese Debatten eingebettet sind. Damit leistet die Arbeit nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Schmitt-Forschung und zur Ideengeschichte der Zwischenkriegszeit, sondern auch ein Instrument, den heutigen politischen und intellektuellen Anfeindungen liberaler Demokratien auf den Grund zu gehen.

 

Simon Sax

 

Simon Sax:

Wahlempfehlungen in der deutsch-jüdischen Presse vor den Reichstagswahlen im September 1930 und Juli 1932. Eine Versicherheitlichungsanalyse

Bachelorarbeit an der Universität Bremen, betreut von Elizaveta Gaufman und Stephanie Seul

Aus der Laudatio der Jury:

Sowohl inhaltlich als auch methodisch sticht die Arbeit durch ihren hohen Innovationsgehalt hervor. Mit der zunehmenden politischen Polarisierung und Radikalisierung ab 1929 nahm auch der öffentlich zur Schau getragene Antisemitismus in Deutschland beträchtlich zu und ging Hand in Hand mit den Wahlerfolgen der NSDAP. Für die jüdische Bevölkerung Deutschlands musste dies als eine erhebliche Bedrohung erscheinen. Vor diesem Hintergrund – so eine der zentralen Thesen der Arbeit – verschoben sich die Rationalitäten bei den Wahlentscheidungen jüdischer Bürger erkennbar. An die Stelle einer traditionellen Bindung an den Liberalismus trat ein Sicherheitsdiskurs, der unter dem Stichwort des „Abwehrkampfes“ die Bedrohung durch den Antisemitismus als Hauptkriterium für die Wahlentscheidung etablierte. Deckten sich in der Wahl 1930 noch beide Elemente und sorgten für ein stabiles jüdisches Votum für die Deutsche Staatspartei, entzogen die jüdischen Wähler ihr die Stimmen 1932, als sie sich von SPD und Zentrum eine größere Garantie ihrer elementaren Sicherheitsinteressen versprachen.

Diese Wählerwanderung ist in der historischen Wahlforschung seit der Studie Martin Liepachs über das jüdische Wahlverhalten in der Weimarer Republik von 1996 bekannt – nicht aber die Gründe dafür. Um ihnen auf die Spur zu kommen, untersucht Simon Sax erstmals systematisch sowohl die führende deutsch-jüdische Presse des Reiches als auch eine Vielzahl kleinerer Gemeinde- und Verbandszeitschriften. Ihn leitet dabei die doppelte Frage, ob sich in diesen Quellen einerseits ein Diskurs der Versicherheitlichung nachweisen lässt, und ob sich andererseits dieser Diskurs eines Abwehrkampfes in konkreten Wahlempfehlungen niederschlägt.

Mit großer Souveränität und methodischem Geschick kombiniert Simon Sax Ansätze der empirischen historischen Wahlforschung, die politikwissenschaftliche und jüngst auch historisch fruchtbar gemachte Forschung zur Versicherheitlichung, Modelle der Medienwirkungsforschung und Methoden der historischen und qualitativen Diskursanalyse. Er erschließt dabei einen umfangreichen und aussagekräftigen Quellenkorpus und liefert wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse für die politische Kultur des deutschen Judentums der Zwischenkriegszeit und sein Ringen um die Errungenschaften der Republik. Eine in jeder Hinsicht hervorragende Leistung, die eindrucksvoll belegt, dass auch im Rahmen von Bachelorarbeiten ein wichtiger Beitrag zur Forschung geleistet werden kann.